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Interview 

»Genossenschaft ist nicht ausgeträumt«

Herr Herzig, Sie haben in Ihrem Leben viele Veränderungen gesehen. Was ist geblieben? Die Genossenschaft! Trotz aller strukturellen Veränderungen hat sie Bestand. Als ich klein war, lebte hier fast jeder vom Wein- und Obstbau und war Genossenschaftsmitglied. Heute sind nur noch 20 Prozent im Weinbau tätig. Aber für den Zusammenhalt im Dorf ist die Genossenschaft wichtig – und die Genossenschaft lebt wiederum von diesem Zusammenhalt. Nur so bleibt das Qualitätsbestreben lebendig. Wir sind ja eine kleine Gemeinde, da sind wir zur Qualität verpflichtet. 
Was sind die Vorteile der Genossenschaft? Die Genossenschaft sichert unser Einkommen, weil sie es jedem ermöglicht, mit seinem Besitz die Familie über die Runden zu bringen. Und wer Gutes bewegt, wird auch belohnt. Die Bezahlung nach Qualität ist ein Eckpfeiler, den unsere Gründungsväter gesetzt haben. Die gemeinsame Kellerei auf höchstem Standard, die Vertriebs- und Vermarktungsform – das Erfolgsmodell Genossenschaft ist nicht ausgeträumt! 
Als wir eingangs nach dem Bleibenden gefragt haben, erwarteten wir eigentlich die Antwort: Der Schlossberg! Die Antwort konnte ich nicht geben, denn gerade der Schlossberg hat sich sehr gewandelt. Der gesamte obere Teil, in dem sich heute mit die besten Lagen befinden, war früher Ödland. Das Häuschen oben im Schlossberg war eine Ruine, da haben wir Indianer gespielt. Später habe ich es selbst renoviert. Ein Kindheitstraum. Jedenfalls gehörte ich in den Siebzigern zu denen, die dort Reben gesetzt und kultiviert haben. 
Was war Ihre Motivation? Dazu eine Geschichte: Wir waren bei einer Weinbergführung in Cognac und ich hörte immer nur »mondial, mondial«. Das ließ ich mir übersetzen – der Mann sprach von Weltmeisterlagen. Damals standen wir sehr unter Druck, durch die EWG drängten viele europäische Weine auf den Markt, die Menschen fuhren ins Elsass und luden sich da zollfrei die Kofferräume voll. Da habe ich verstanden, dass man sich mit guten Lagen abheben kann. Und die gibt es im Schlossberg. 

Woher wussten Sie, welches Potenzial im Schlossberg schlummert? Wissen ist zu viel gesagt. Als junger Mann läuft man auf der Tanzfläche immer der Schönsten hinterher. Ob es eine gute Ehefrau wird, hat man dabei nicht gewusst. Mit meiner Frau hatte ich großes Glück, mit dem Schlossberg aber auch. Mein Bestreben war, immer den bestmöglichen Wein zu machen, was – davon bin ich fest überzeugt – für jede Winzerin und jeden Winzer gilt. Von Haus aus hatten wir keine exponierten Lagen. Für meine erste habe ich mit viel Geld von der Bank eine Stützmauer gebaut, für gerade mal 70 Stöcke. Heute bin ich, nein, nicht stolz, aber zufrieden, dass wir Achkarrer im Schlossberg einige der besten Lagen im Kaiserstuhl geschaffen haben. 

Wie sind Sie zum Winzerberuf gekommen? Ich war das jüngste von drei Geschwistern. Sobald man konnte, musste man im Weinberg helfen. Die Eltern kennen die Gene der Kinder. Mein älterer Bruder ging aufs Internat, meine Schwester zog es nach Köln. Die Mutter hat dann für mich bestimmt: Der bleibt hier, der ist fleißig! Da mein Vater früh verstarb, stand ich schon als junger Mann in Verantwortung, habe mich auch in der Genossenschaft eingebracht. Die Alten haben mich dann herausgepickt und mit 29 Jahren bin ich in den Vorstand gewählt worden. Über drei Jahrzehnte war ich ehrenamtlich für die Genossenschaft tätig, davon 27 Jahre als Vorstandsvorsitzender. Immer mit dem Gedanken, man kann der Gemeinschaft mit Demut dienen. Man bekommt ja kein Geld dafür, darum heißt es ja Ehrenamt.

Mit all Ihrer Erfahrung: Was wünschen Sie der Winzergenossenschaft Achkarren für die Zukunft? Wir sind derzeit an einem kritischen Punkt: Viele Alte in den Nebenerwerbsbetrieben können nicht mehr und die Jungen sollen eintreten. Das verlangt nach einer Maschinisierung, erfordert aber auch Lust, nach Feierabend etwas zu bewegen. Gute Bezahlung ist da die eine Sache. Aber glücklich ist der Mensch, dessen Arbeit ihm die Freiheit gibt, dem eigenen Kopf zu folgen. Am besten in der Gemeinschaft. Das bieten Achkarren und die Genossenschaft. Ich wünsche mir, dass viele Junge diese Chance beim Schopfe packen. Denn ich will ja weiter ein gutes Glas Wein trinken, wenn ich oben am Häuschen auf der Bank sitze und aufs Dorf schaue. 

– Das Interview führte Gotthard Scholz, Weinjournalist.


Unser Ehrenvorsitzender Bernd Herzig im Gespräch. 

Bernd Herzig wurde 1940 als jüngstes Kind einer Achkarrer Winzerfamilie geboren. Im Jahr 1972 wurde er in den Aufsichtsrat gewählt, den er fünf Jahre leitete. Von 1979 bis 2006 bekleidete er ehrenamtlich den Vorstandsvorsitz der Genossenschaft und hat deren Geschicke – auch durch sein Engagement in den Regionalverbänden vom Kaiserstuhl und von ganz Baden – maßgeblich mitgeprägt. Seit dem 12. Januar 2007 ist Bernd Herzig Ehrenvorsitzender der Winzergenossenschaft Achkarren.     

Achkarren

90 Jahre Weingeschichte


Für eine Winzergenossenschaft sind 90 Jahre ein stattliches Alter – ohne damit zum alten Eisen zu zählen. Die weltweit erste Winzergenossenschaft wurde im Jahr 1868 gegründet – nur wenige Jahre nach Friedrich Wilhelm Raiffeisens genossenschaftlicher Idee: »Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.« Diese Überzeugung ist heute aktueller denn je. Und somit gibt es zurzeit mehr als 470.000 Mitglieder in ländlichen Genossenschaften.
Aber zurück nach Achkarren: Als sich 16 Winzerinnen und Winzer dafür entschieden, am 15. September 1929 in Achkarren eine eigene Genossenschaft zu gründen, war dies keine Selbstverständlichkeit und mit mehreren Anläufen verbunden – gingen die Verwaltungsratsmitglieder dabei doch immense persönliche Verpflichtungen und finanzielle Risiken ein. Vor allem als mittlerweile 102 Mitglieder am 21. April 1931 in einer außerordentlichen Generalversammlung beschlossen, sage und schreibe 50.000 Mark als Kredit für einen Kellerneubau mit einem Fassungsvermögen von 300.000 l aufzunehmen … Wie wir heute wissen, ist alles gut gegangen, allen Widrigkeiten zum Trotz. Das lag vor allem an bedeutenden Persönlichkeiten im Verwaltungsrat sowie in der Winzerschaft und dem Mitarbeiterteam der Winzergenossenschaft. Als beispielhafte Persönlichkeiten von herausragender Bedeutung sind noch heute die Gründerväter Wilhelm Geppert, Daniel Engist sen. und Georg Isele zu nennen.
Richtige Entscheidungen über die Jahrzehnte wurden auch und gerade bei der Auswahl der gepflanzten Rebsorten getroffen: Während der Grauburgunder als Steckenpferd unserer Winzergenossenschaft rund ein Drittel der gesamten 190 ha Rebfläche ausmacht, folgen Spät- und Weißburgunder auf den Plätzen. Das Vulkanverwitterungsgestein des Achkarrer Schlossbergs eignet sich besonders gut für mineralisch feine Burgunderweine.